Warum nannte man den Käpt`n Kuper?
Gerd hieß er mit Vornamen und mit Nachnamen Tönjes-Deye. Die Leute in Edewecht aber nannten ihn ganz einfach „Kupers Gerd“. Wie es dazu kam?

Die Familie Tönjes-Deye, ansässig auf dem Hofgelände an der Vehne, sozusagen am Rande Edewechts, waren einst Küfer, d. h. Faßmacher. Dieses ist historisch belegt, und ihr plattdeutscher Ökername Kuper deutet auch darauf hin. Die Küfer hatten mit dem Material Holz zu tun, von dem es in den Wäldern um Edewecht und auf Holzauktionen reichlich gab.

Mit Holz hatte auch Gerd – ein Nachkomme aus dem Stammgeschlecht der Datinges (Deye) – viel im Sinn. Er legte auf einer kleinen Familienwerft, deren Konzession 1836 seiner Familie erteilt worden war, seetüchtige Schiffe auf Stapel. Teilweise – je nach Auftragslage – sollen auf der Tönjes-Deye-Werft 10 bis 20 Arbeitskräfte beschäftigt gewesen sein.
Von der Vehne zur Nordsee / Edewechter Schiffswerften
Es ist bekannt, daß man in Edewecht bereits um 1730 kleinere Schiffe am rechten Ufer des Vehneflusses baute. Dort stand auch die erste Edewechter Mühle. Daher nennt man den einstigen Standort „Am Möhlenbült“. Dort stehen heute Einfamilienhäuser.
Wenn in Edewecht ein Schiff vom Stapel lief, feierte fast das ganze Dorf. Zumeist wurde im Mai eines Jahres der Kiel eines Schiffsneubaus gelegt. Im darauffolgenden März, wenn das Wasser seinen höchsten Stand erreicht hatte, mußte das Schiff fertig sein. Dann wurden die Wehrschotten, die sich bei der Wassermühle an der Vehne in Höhe „Kampweg“ befand, geöffnet und auch das Hochwasser aus den überfluteten Brannenwiesen eingeleitet.

Der Weg der Schiffe von Edewecht über Vehne, Aue, Godensholter und Barßeler Tief, Leda, Jümme nach Leer war ein Abenteuer für sich. Der Chronist Otto Sander schrieb im Jahr 1927: „Heute seht man dem Wässerlein (Aue) wirklich nicht mehr an, daß es einen Ozeanfahrer trug“.
Die Schiffszimmerleute waren meist Saterländer oder stammten aus Brake an der Unterweser. Auf den Edewechter Werften (insgesamt gab es im Laufe der Zeit sieben Helgen, u. a. zwischen der Wassermühle (3) und dem Möhlenbült (2), auch ein Helgen an der Aue bei Osterscheps) wußte man, warum man sich Leute aus den Gegenden holte, die „Wassererfahrung“ hatten: Sie waren tüchtige Schiffszimmerer.
Der Beruf des Schiffszimmermanns war übrigens sehr gefragt und geachtet. Wer kennt hier nicht das Osterleid: „Ostern, Ostern kommt heran, het jo Dochter noch kien Mann, wünsch ik ehr ´nen Timmermann, de sin Brot verdeen kann!“ Abgewandelt könnte man sagen: „Jemand, der seine Familie ernähren kann.“
Die legendäre „Lina“ / Auf Stapel gelegt am 6. April 1875
Die „Lina“, mit der er im Jahre 1879 nach Australien aufbrach, war das berühmteste Schiff, das Gerd Tönjes-Deye baute. Neuesten Recherchen zufolge war das Schiff 26,66 Meter lang, 6,08 Meter breit und 3,14 Meter hoch. Es war am 6. April 1875 auf Stapel gelegt worden. Kaufmann Heinrich Setje aus Edewecht finanzierte das Schiff; er war mit Tönjes-Deye verwandt. Dessen Schwester Anna Margarete war die Mutter von Gerd Tönjes-Deye. Da ihr erster Sohn, Oltmann-Georg am 10. Juli 1845 geboren wurde, kann Gerd Tönjes-Deye erst 1846 oder sogar noch später geboren worden sein.

Das Schiff lief am 20. Februar 1876 vom Stapel, benötigte also nicht einmal ein Jahr Bauzeit. Bei der Schiffstaufe erhielt die „Schonerbrigg“, wie sie auch genannt wurde, den Namen „Lina“. Warum? Die einzige Tochter des Finanziers Heinrich Setje hieß mit Vornamen Lina und war die Cousine des Kapitäns. Sie war mit dem Gutsbesitzer Reiners aus Helle in der Gemeinde Zwischenahn verheiratet. Tönjes-Deye berühmtes Segelschiff „Lina“ soll übrigens kleiner gewesen sein als die „Santa Maria“, mit der 1492 Christoph Kolumbus Amerika entdeckte. Man vermutet sogar, daß die kleine Edewechter Schonerbrigg nicht einmal mit Eisenblech beschlagen war. Damit schützte man damals den Schiffsboden gegen den gefürchteten Bohrwurm, der ihn in wenigen Monaten hätte „durchsägen“ können. Vermutlich hatte der Kapitän das Holz eher mit Giftfarben gegen die gefährlichen Schnellfresser geschützt.
Auf nach Australien über das Kap der Guten Hoffnung!

Das große Ereignis im Leben des Gerd Tönjes-Deye war der Aufbruch nach Australien. Der NWZ-Redakteur Fritz Binder aus Jeddeloh I beschrieb um 1950, was die Edewechter dachten, als sie von „Kupers“ Plan einer Australienfahrt hörten: „Ji sünd verrückt, lat jo hier man furns up`n Ärwechter Karkhoff begraaben, denn brükt ji nich op´n Ozean to versupen“.
Die dreimastige Schonerbrigg „Lina“, die 70 Last (1 Last = ca. 2 Tonnen) fassen konnte, hatte den Hafen Adelaide in Südaustralien als Ziel. Geladen hatte sie Korn. Der Steuermann hieß Tüt Meyer. Er stammte aus Emden, konnte Englisch und führte das Logbuch. Kapitän Gerd segelte mit seinen Mannen aus der Nordsee in den Ärmelkanal und dann an der Atlantikküste Frankreichs sowie an Portugal und Spanien entlang. Da er die hohen Kanalgebühren sparen wollte, wählte er nicht die Route Gibraltar-Mittelmeer-Suezkanal-Rotes Meer-Indischer Ozean, sondern den gefährlicheren Weg um die Westküste Afrikas mit dem Kap der Guten Hoffnung und dann in den Indischen Ozean.
Es gelang ihm zunächst hervorragend, den Dreimaster sicher durch Sturm und Wellen zu bringen. So näherte man sich hoffnungsfroh Australien. Aber dann geriet die „Lina“ doch noch in große Seenot. Bei einem schweren Sturm brach laut Logbuch einer der Masten. Die Besatzung mußte, um nicht zu sinken, einen betträchtlichen Teil der wertvollen Kornladung über Bord schippen. So gelang es, das Schiff vor dem sicheren Untergang zu retten. Die „Lina“ landete jedoch nicht in Australien, sondern an der Küste Neuseelands.
Hier war die Fahrt, auf welcher der Käpt´n, wie Gerd zu Jührden später einmal meinte, „den Deibel an Bord hatte“, zunächst einmal zu Ende. Dieser Gerd war auch Edewechter, 1857 auf dem zu-Jührden-Gruben-Hof geboren. Doch der forsche Kapitän gab nicht auf. Er ließ sein Schiff in Neuseeland reparieren und segelte sodann mit seiner Besatzung weiter nach Adelaide in Süd-Australien. Dort ließ er die verbliebene Kornladung löschen.
Durch seine Fahrt machte der Draufgänger Käpt´n Kuper Gerd, der zuvor nur ein kleiner, wenn auch gut ausgebildeter Schiffsbauzimmermeister gewesen war, seinen Heimatort Edewecht mit einem Schlag berühmt. Eine anschließende Pressemeldung lautete: 19. Juli 1880, Edewecht: Ein unternehmerischer Schiffer ist jedenfalls Capitän G. T. Deye von hier. Mit seinem nur 136 tons (also kaum 70 Last) haltenden Schiff „Lina“ ist Deye nach Süd-Australien gelangt und dort am 29. April zu Adelaide angekommen“. Damals war Käpt`n Gerd Anfang dreißig.
Zurück nach Europa / Verlust des Logbuches
Durch sengende Sonne, viel Regen, peitschende Wogen und stürmischen Wind begann eines Tages die Heimreise der „Lina“ und ihrer Mannschaft. Insgesamt soll sie zwei Jahre unterwegs gewesen sein und in der Zeit auch Geld verdienen müssen, um sämtliche Kosten zu bestreiten. 15.000 Seemeilen waren auf dem gefahrvollen Weg zurückzulegen, vorbei am Kap der Guten Hoffnung. Das englisch geschriebene Logbuch hielt alle Einzelheiten fest. Dieses war im Hause am Kampweg aufbewahrt worden, ging sodann leider im Zuge der Kampfhandlungen im Frühjahr 1945 samt Haus, Stall und Scheune verloren. Das Hausgrundstück lag im Schußfeld der Flammenwerfer um den Brückenwerfer Edewechterdamm/Süddorf.
„Das Rammlied“
An der Vehne standen sechs Helgen; Insgesamt gab es in Edewecht sieben Betriebe. Die Werften, auch die von Tönjes-Deye, standen nördlich der Vehne an der heutigen Landesstraße nach Osterscheps. Schiffe, die aufgebaut wurden, bestanden aus Eichenholz. Die Bauleute mußten schwerste körperliche Arbeit leisten. Es flossen manche Schweißtropfen! Auch das Rammen der Pfähle beim Helgenbau wurde damals einzig und allein mit Menschenkraft bewältigt. Der Rammbock war zumeist zwei Zentner schwer. Sechs bis acht Mann bedienten ihn und ließen ihn in stets gleichem Takt und Tempo niedersausen. Sie sangen dabei ihr rhythmisches Rammlied.
Seemannstod / Das Ende der Tönjes-Deye-Werft
Nach seinem überwältigenden Erfolg, der damals in Edewecht groß gefeiert worden war, machte Gerd Tönjes-Deye noch eine weitere Segelfahrt mit der „Lina“. Einem Bericht zufolge wurde dann in den Jahren 1882/83 auf der Fahrt von Leven nach Bremerhaven die „Lina“ als verschollen gemeldet. Hier gibt es allerdings einige Ungereimtheiten.
Gerd Tönjes-Deye fand im Jahr 1889 den Seemannstod nicht weit von seinem Zuhause. Dieses geschah in Höhe der nicht ungefährlichen Wesermündung. Trotz Sturmwarnung suchte er keinen schützenden Hafen auf. Eine gewaltige Grundsee oder ein Strudel erfaßte sein Schiff. Die Kühnheit Tönjes-Deyes hatte zur Folge, daß es mit Kapitän und Besatzung unterging.
Die Tönjes-Deye-Werft, so ist es belegt, hörte 1890 auf zu existieren. Der ständig reisende Kapitän Gerd war unverheiratet geblieben; er hinterließ keinen eigenen beruflichen Nachfolger. Von seinen verschiedenen Reisen schrieb er immer wieder Briefe an seine Mutter Anna Margarete Deye und seinen Bruder Georg. Dieser war ebenfalls Schiffsbaumeister und leitete den Bauernhof.
Epilog


Zum Gedenken an „Käpt`n Kuper“ wurde im Zentrum von Edewecht, Ecke Hauptstraße / Rathausstraße, eine Brunnenfigur samt stilisiertem Schiffsbug der Schonerbrigg „Lina“ realisiert. Die Einweihung fand am 20. Mai 1995 statt. Somit dürfte der kühne Seefahrer Gerd Tönjes-Deye den Edewechtern stets gegenwärtig bleiben.
Hier soll die Beschreibung des Edewechter Originals Käpt´n Kuper enden. Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei Frau Christel Looks-Theile für ihre sorgfältigen Ausführungen, die uns in einer Broschüre von 1995 vorliegen und die dem vorstehenden Bericht als wertvolle Grundlage dienten.
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